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Postkarte von 1913, zur Verfügung gestellt von Rolf Hönscheid und Familie

Work-Life-Balance anno 1912

Postkartengruß aus der Kleinstadtoase

„Viele Grüße sendet von hier Familie H., uns gefällt es sehr gut hier. Die Kinder sind den ganzen Tag draußen, Ernst sagt immer, Käthe soll bald kommen. Hoffentlich kommt ihr alle bald, aber Käthe soll bei uns bleiben. Hier seht ihr unser Haus, aber ganz ist es nicht darauf, im Garten sind wir […]
bald fertig. Viele Grüße an alle Bekannte und besonders an Euch.“

Diese Postkarte schrieb Familie H. aus der Roten Kolonie circa 1913/14 in die alte Heimat Köln-Kalk. Neu-Kalk, so wie die Arbeitersiedlung zu Beginn genannt wurde, war innerhalb eines Jahres aus dem (Acker-)Boden gestampft worden. Es war der Gegenentwurf zum Leben in der Stadt zur Zeit der fortschreitenden Industrialisierung. Eigene Gärten mit Obstbäumen, Platz für Kleintierhaltung, elektrisches Licht und Toilettenspülung – Luxus zu der Zeit, mit dem der Unternehmer Louis Mannstaedt seine Facharbeiter nach Troisdorf an den neuen Standort seiner Fabrik locken wollte. Familie H. war bereits umgezogen, Käthe und Co sollten folgen. Zu sehen ist die Mutter Wilhelmine H. mit den Mädchen Erna und Hertha.

Die Geburtsstunde einer Industriestadt im Grünen

Um zu verstehen, welche stadtgestalterische Kraft die Industrialisierung auch in Troisdorf hatte, muss man an ihren Anfang gehen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebten die meisten Menschen im heutigen Rhein-Sieg-Kreis mit und von der Landwirtschaft oder als Handwerker. Die Ernte diente hauptsächlich dem Eigenbedarf und wenn Dürre oder Flut die Felder zerstörte, dann mussten die Menschen hungern. Die Arbeit richtete sich nach den Jahreszeiten und ging von Sonnenaufgang bis Untergang. Kein Wunder also, dass der Wunsch nach einem sicheren Einkommen groß war. Als die ersten Betriebe wie 1815 die Alaunhütte in Spich ihren Betrieb aufnahmen, wandelte sich für die Ersten in der Region das Arbeitsleben, doch der Lohn reichte oft trotzdem nicht. Nach und nach kam immer mehr Industrie im Umkreis dazu. Fabriken warben in Zeitungen um Arbeitskräfte. Es begann eine Landflucht in die Städte.
Mit der Genehmigung 1825 für Johann Wilhelm Windgassen eine Eisenhütte mit Hochofen, Walz- und Reckwerken in der damaligen Bürgermeisterei Menden zu errichten, entwickelte sich auch Troisdorf nach und nach zu einem Industriestandort.

Quellen der Zahlen und historischer Informationen: „Geschichten einer Stadt.“ Museum für Industrie und Stadtgeschichte (Hrsg.), Troisdorf, 2020.
Rolf Hönscheid: „Die Rote Kolonie“. In: Troisdorfer Jahreshefte, Stadt Troisdorf (Hrsg.), 1979

Meilensteine auf dem Weg

1825

Gründung der Eisenhütte "Friedrich-Wilhelms-Hütte" durch Windgassen

Es gab Verzögerungen beim Baustart und Windgassen war auf weitere finanzielle Unterstützung angewiesen. Als die Produktion endlich startete, war das teure Roheisen kaum konkurrenzfähig. Es kam schnell zum Konkurs.

1843

Ersteigerung der Hütte durch Langen

Johann Jakob Langen kaufte das Werk und investierte. 1847 übergab er es an seinen 22-jährigen Sohn Emil Langen, der in den Wohnturm am Werk zog und eine Villa anbaute (Villa Langen)
Aber auch für seine Arbeiter ließ er erste Wohnungen errichten.

1850

Erste Kranken- und Invalidenkasse

Elf Jahre später wurde eine Schule in Friedrich-Wilhelms-Hütte gegründet, bezahlt von der Werksleitung. Ab 1866 gab es zweimal in der Woche einen Markt am Werkstor. Das Angebot für die Arbeiter und ihre Familien kostete viel Geld….

1855/56

Sieg-Rheinische Bergwerks-& Hütten Actien Verein wird gegründet

Neues Geld brachte einen Aufschwung, dann wurde es wieder zur „Pechhütte“.

1864

Louis Mannstaedt wird Betriebsleiter

Erster Auftritt des späteren Inhabers

1867

Emil Langen legt Amt nieder

Emil Langen gab seinen General-Direktorposten auf und sein Bruder verkaufte seine Anteile. Auch deren Nachfolger erzielten keinen Erfolg mit der Hütte.

1886

Gründung RSW

Die Rheinisch-Westfälische Sprengstoff AG wird gegründet und baut meherere Fabriken in Troisdorf und wirbt Arbeiter ab.

1889 bis 1901

Pechhütte wird ihrem Namen gerecht

1889 führen die Arbeiterstreiks im Ruhrgebiet zum Produktionsstillstand, da keine Kohle und Koks geliefert wird.
1890 bricht der Aggerdamm beim Hochwasser und überflutet das Werksgelände. Grippeepidemien gingen rum.
1901 brennt es.

1. Mai 1911

Mannstaedt kauft die Hütte

Louis Mannstaedt hatte zuvor das Walzwerk der Maschinenbauanstalt Humboldt in Kalk geleitet, es dann als Faconeisen-Walzwerk L. Mannstaedt & Cie übernommen und wollte nun expandieren. Zudem kaufte er – auch gegen Widerstand – das Bauland für seine Werkskolonien von den Landwirten.

Ab 1912

Bau der Kolonien

Es entstanden gleich mehrere Wohnbereiche: Die Schwarze Kolonie in FWH, auch Neuwindgassen genannt. Dort sollten die „einfachen“ Arbeiter untergebracht werden. In der Roten Kolonie, auch „Neu-Kalk“ genannt, fanden auch Vorarbeiter, Facharbeiter und Meister eine Bleibe. In der „Beamtenkolonie“ lebten die leitenden Angestellten in großzügigen Häusern und in der Elisabethstraße in Oberlar, der „Kappes-Kolonie“, entstand eine weitere Einheit kleinerer Wohneinheiten.

März bis August 1913

Übersiedlung der Kölner

Die Häuser werden bezogen. Im Mai eröffnete der Konsum-Laden in der roten Kolonie.

Zusätzlich entstehen in der Zeit: Drei Kaufhäuser, zwei Kindergärten, eine Hüttenschenke, eine Badeanstalt, ein Arbeiterwohnheim und ein neues Verwaltungsgebäude und zwei Schulen, die die Stadt bauen ließ.
Die Gesamtkosten von Mannstaedt belaufen sich auf ca. 23.730.000,- Mark

9.8.1913

Walzbetrieb in Köln-Kalk wird eingestellt

30.10.1913 Bezug des neuen Verwaltungsgebäudes

5. Dezember 1913

Louis Mannstaedt stirbt

In seinem Haus in Troisdorf an den Folgen einer Lungenentzündung.

Nachrichten aus Troisdorf

Am 13. Januar 1912 schriebt der Sieg-Bote zum Bau der Kolonien: „Seit die Hütte in den Besitz der Firma Mannstädt übergegangen ist, geht auf dem Werke der Fortschritt mit Riesenschritten einher. Dies zeigt sich, abgesehen von inneren Umwälzungen, Verbesserungen und Neuanlagen, am deutlichsten in der Fürsorge für die Arbeitermassen, die das Werk später noch einzustellen gedenkt. Westlich der Bahn zwischen Sieglar und der Hütte ist eine große Arbeiterkolonie im Bau, die 200 Wohnhäuser umfassen soll, östlich der Bahn auf Troisdorf zu werden etwa 150 Arbeiterhäuser errichtet. Den Bauten liegt das System Krupp zu Grunde. Auf Aggerdeich zu sind die Häuser und Häuschen fast alle abgebrochen worden. Hier ist mit dem Bau eines Stahlwerks begonnen worden. Eine Schlackensteinfabrik an der Obermendener Fähre ist bereits fertiggestellt. Das tieferliegende Ueberschwemmungsgebiet der Sieg wird durch Schlackenmassen aufgefüllt, um dann als Baugelände verwendet zu werden. Einer solch energisch und zielbewußt vorgehenden Werksleitung ist auch das so schwierige Werk einer Kanalisation der Sieg nach dem Rhein hin zuzutragen.“

Eine weitere spannende Meldung liest Radiomoderatorin Verena Tröster:

Die Kölner kommen

Einer der Umsiedler war auch Bernhard Dünkelmann. In der Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der roten Kolonie 1963 erinnert er sich an die Anfänge:

„Im Frühjahr 1911 kam im damaligen Werk in Köln-Kalk ein Anschlag heraus, in dem uns der Kauf in Friedrich-Wilhelms-Hütte mitgeteilt wurde, und man kündigte uns in absehbarer Zeit die Verlegung des Werkes nach Troisdorf an. Das traf uns zunächst wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Waren wir doch an das Leben in der Stadt gewohnt und mochten uns daher nur ungern davon trennen. Und doch hielt die überwiegende Mehrheit der Belegschaft dem Werk die Treue und ist mit nach hier übergesiedelt. Der Haupttreck war in der Zeit von März bis August 1913. Alle Möbelwagen von Kalk, Deutz, Mülheim und auch aus dem Raume Troisdorf-Siegburg waren eingesetzt. Die Umzugskosten trug die Werksleitung.“

Dieter Röhl zeichnete die Szenerie des Umzugs:

Die Häuser wurden in Rekordzeit gebaut. Dafür wurden bereits Gastarbeiter aus Italien, Bosnien oder Kroatien eingesetzt. Nur wenige Monate nach Beginn des Baus im Mai 1912 haben die Arbeiter für mehr Lohn gestreikt. Es kam zur Einigung. Als Ziegel dienten die, aus Schlackeresten hergestellten, Steine. Dafür hatte Mannstaedt extra eine Fertigungsanlage bauen lassen. Das Fundament bestand aus Kiesbeton, die oberen Geschossdecken aus Holzbalken. Im Januar 1913 waren die ersten Häuser abnahmebereit. Insgesamt sind es rund 64 Gebäude mit ursprünglich 176 Wohnungen, mit jeweils einem Gartenstück von 200 bis 500 Quadratmetern, entweder direkt am Haus oder auf den eingefassten Flächen zwischen den Gebäudekomplexen. Im Garten standen je zwei Obstbäume, es gab im Haus einen Stall für Kleintierhaltung und einen Heuboden. Am Zeppelinplatz gab es sogar einen großen Ziegenstall, während im Garten meist Hühner, Gänse, Kaninchen und Schweine gehalten wurden. Metzger Schiller, der auch von Kalk mit rüber gezogen war, schlachtete die Tiere im Hof und da man keinen Kühlschrank hatte, gab es meistens Wurst.

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Der Zeppelinplatz vor den 30er Jahren, Foto zur Verfügung gestellt von Klaus Waldow

Ausstattung und Alltag

Die Miete kostete circa 18 Mark, Licht und Wasser zahlte Mannstaedt, der Strom kam von den Gleichstrom-Generatoren des Werkes (Elektriker Ferdinand Röhl lebte in der Kolonie und war für die Generatoren zuständig). Während im Troisdorfer Ort noch mit Gas beleuchtet wurde, gab es in der roten Kolonie schon elektrisches Licht. Geheizt wurde mit einem Kachelofen mit Schächten, die in die obere Etage gingen. Über dem Ofen hing zudem ein Kessel mit Wasser, das so kontinuierlich erwärmt wurde. Heißes Wasser gab es auch vom Wasserboiler „Zeppelin“. Wenn das Wasser kochte, musste man ihn abdrehen, ansonsten platze er, heißt es in einem Auszug aus Erzählung zur Ausstellung zum 75-jährigen Jubiläum.
Wenn etwas kaputt ging, schickte Mannstaedt Handwerker. Gebadet wurde am Samstag oft in der werkseigenen Badeanstalt, da die Häuser keine Badezimmer hatten.

Als der Klöckner-Konzern 1923 Mannstaedt kaufte, nahmen bereits die sozialen Aspekte nach und nach ab. Klöckner ließ Wasseruhren einbauen, geheizt wurde nun mit Gas. Die Miete, die laut Peter Müller mehr als eine Rate für einen späteren Hauskauf gedacht gewesen sei, wurde um zehn Mark erhöht. Vom Kauf der Häuser war erst einmal keine Rede mehr.

Der Chronist

Peter Müller lebte von 1922 bis 1990. Während seiner Kindheit lebten neben den Eltern und Großeltern auch noch die Tanten Änni, Lina und Maria im Haus.

„1914, kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges, war die Familie Müller, aus Bergisch Gladbach kommend, in ein Haus der Kolonie eingezogen. Die Sieglarer Straße, so hieß die Moselstraße damals, war ein zwei Meter hoher Damm aus Hochofenschlacke und nur am unteren Ende doppelseitig bebaut. Im ersten Haus auf der linken Seite waren „Mölles“ zu Hause. Und in diesem Haus war immer was los! Sicher trug die Ausgeglichenheit von Oma und Opa Müller dazu bei, dass Konflikte, die in der Enge des Hauses nicht zu vermeiden waren, so ausgetragen wurden, dass jeder, der hier einkehrte, sich „zu Hause“ fühlen musste. Es war ein offenen Haus – offen für Verwandte und Freunde, offen für alle, die in Not waren. Unter den „Pänz“ der Familie, sieben an der Zahl, war mein Vater der einzige Junge. Für die Brötchen der Familie sorgte der Former Peter Müller, und das Herz der Familie war seine Frau Anna Müller, „meine Oma“. Und sie hatte das Sagen: „Wo sieben Kinder ihre Beine unter dem Tisch baumeln lassen, das ist auch noch für zwei weitere Platz.“ Die Stühle wurden enger zusammengerückt, die Betten doppelt belegt und ein Platz für die Wiege war schnell gefunden.“

So kam es, dass Peters junge Eltern mit ihrem Kind ebenfalls bei den Großeltern lebten und die größtenteils die Erziehung übernahmen.

Foto: Peter Müller steht vor dem Haus, aus dem Fenster schauen die Großeltern und Tanten.

Texte: Quelle: Peter Haas: Peter Müller. Episoden um einen Querkopf. In: Troisdorfer Jahreshefte, Heimat- und Geschichtsverein Troisdorf (Hrsg.), 2008, S. 128

Geschichte zum Anhören.


Foto: Peter und die Frauen der Familie

Peter Müllers Erzählung: Guten Morgen Kolonie (Gelesen von Tobias Siefer)


Foto: Peter Müller auf dem Dörpl

Peter Müllers Erzählung: Mölles Dörpl (Gelesen von Tobias Siefer)


Foto: Peter Müller mit Cousine Resi

Peter Müllers Erzählung: Liebesabenteuer (Gelesen von Tobias Siefer)

Postkarten aus einer neuen Wohnidylle

Vorher-Nachher-Ansicht

Postkarte der Roonstraße mit dem Konsum-Geschäft links um 1915, Fotograf unbekannt, veröffentlicht u.a. bei Rolf Hönscheid: Rote Kolonie, Troisdorfer Jahresheften, 1979Foto: Paul-Philipp Braun

Roonstraße und Oberlarer Straße (früher Moltkestraße)

Postkarte der heutigen Oberlarer Straße, Fotograf unbekannt, veröffentlicht u.a. bei Rolf Hönscheid: Rote Kolonie, Troisdorfer Jahresheften, 1979Aufnahmen der roten Kolonie, Foto: Paul-Philipp Braun

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Gedicht von Peter Müller

Sie wohnten einst in Mietskasernen,
rußgeschwärzt in großer Not.
Grün – das lag in weiten Fernen,
dann winkten Dächer, hell und rot.
So kamen sie aus grauer Stadt,
zogen ein ins neue Haus,
gruben, hackten, pflanzten, säten,
es wuchs der erste Frühlingsstrauß.
Nun leben sie im satten Grün,
Bäume, Büsche, Blumen blüh’n,
drüben überm Gartenzaun
kann man auf gute Nachbarn bau’n.
Nach der Arbeit will man ruh’n,
reden, feiern, sonst was tun.
Der Kolonie zu jeder Zeit,
entströmt ein Hauch von Menschlichkeit.