Modulholder
Dieter Röhl, Foto: Christine Siefer

Betrachtung aus der Ferne

Dieter Röhl lebt seit Ende der 70er Jahre an der Mosel. Wer sich alte Fotos von der Roten Kolonie ansieht, kommt an ihm und seiner Familie nicht vorbei. Die Röhls waren fester Bestandteil der Kolonie. Die Kindheit in der Kolonie hat Dieter Röhl nachhaltig geprägt. Seine Erinnerungen hat der heute 88-Jährige in farbenfrohen Skizzen festgehalten. Beim Besuch des ehemaligen Kolonisten in der Ferne öffnet er sein Fotoalbum.

Der Anfang

Familie Röhl, Quelle: Dieter Röhl

Opa Heinrich Röhl war Oberwalzmeister bei Mannstaedt und folgte dem Ruf seines Arbeitsgebers nach Troisdorf. Zusammen mit seiner Frau Klara hatte er fünf Söhne, die alle später bei Mannstaedt arbeiteten: Foto links: v.l. Peter, Georg (auf dem Arm), Heinrich, Ferdinand und Theodor an der Geige. Mit der ganzen Rasselbande zogen sie in das Haus direkt neben dem Kindergarten.

Modulholder
Pfingsten 1927, Opa Heinrich Röhl spielt Mandoline, sein Sohn Georg Trompete und Heinrich Röhl Violine. Quelle: Dieter Röhl

Eine musikalische Familie

Pfingsten 1927, Opa Heinrich Röhl spielt Gitarre, seine Söhne Georg Trompete und Heinrich Violine. Die Brüder spielten auch die Begleitmusik für Stummfilme, die im Lichtspieltheater „Schauburg“ in Troisdorf gezeigt wurden. Später besaß Ferdinand selber einen Projektor, mit dem er den Kindern der Nachbarschaft Filme zeigte.

Der Elektriker


Ferdinand Röhl hatte grundsätzlich ein Händchen für alles was mit Strom zu tun hatte. Er wurde Elektriker bei Mannstaedt und hatte damit eine besondere Verantwortung. Er arbeitete mit den Generatoren der Fabrik, die auch für die Siedlungen den Storm lieferten. (Auf dem Bild links oben ist er außen rechts zu sehen). Wenn Stromleitungen zu den Häusern kaputt waren, kümmerte sich Ferdinand Röhl darum, dass es schnell wieder Strom gab. Es gab einen Elektro-Zähler im Haus. Hin und wieder versuchte einer Strom abzuzapfen. Das wurde jedoch nicht geduldet und bestraft. „Mein Vater hatte da immer ein wachsames Auge drauf“, erinnert sich Dieter Röhl. Positiver Nebeneffekt seiner Elektriker-Kenntnisse: Er baute den Kindern Spielzeug mit besonderen Effekten, zum Beispiel Puppenstuben mit kleinen Lampen oder ein Tretroller-Auto, das über ein elektrisches Pedal Fahrt aufnahm. Drei Kinder konnten damit fahren. Zu einer Zeit, wo Autos in der Kolonie eine Seltenheit waren, war das Mini-Auto ein echter Hingucker. Auf dem Bild rechts steht Klara Röhl mit drei Söhnen vor dem Haus in der Bismarckstraße, das im Krieg zerstört wurde.

Die zweite Generation

Dieter Röhl wurde 1935 als Sohn von Ferdinand und Anna Catharina geboren. Seine große Schwester Renate war da schon vier Jahr alt. Sie wohnten in einem Vierfamilienhaus am Zeppelinplatz.
Die Kinder wurden teilweise gemeinschaftlich erzogen. Dieter Röhl erinnert sich noch gut daran, dass Frau Berenz (Bild im Garten) von nebenan ihn oft gewaschen und umgezogen hätte, wenn er sich dreckig oder in die Hose gemacht hatte. Sauber ging es dann zurück zur Mutter. „Frau Berenz hatte auch immer echten Bohnenkaffee, da habe ich heimlich an der Tasse genippt, wenn sie nicht schaute.“

Modulholder

Was ist besonders in Erinnerung geblieben?

Dieter Röhl erzählt

Kindheit im Krieg

„Wir Kinder haben viel unternommen in der Zeit“, berichtet Dieter Röhl. In Oberlar hätte es mehrere Kiesgruben gegeben, die sich mit Wasser gefüllt hatten. Die haben wir im Sommer zum Schwimmen und im Winter zum Schlittschuhfahren oder Eishockeyspielen genutzt. Das war nicht ganz ungefährlich. Nicht selten seien Schwimmende schreiend aufgetaucht, wenn sie einen unbekannten Gegenstand berührt hätten. Man hatte Angst vor Blindgängern. In Oberlar wären die Kinder nach der Bombardierung durch die teils zerstörten Läden gestreift. „So spielten wir auch mit Feuerwerkskörpern, die in einem Laden offen herumlagen“, erzählt Röhl. Wenn irgendwo ein Flugzeug der Alliierten heruntergekommen wäre, seien sie mit ihren Rädern hingefahren und hätten sich die Absturzstelle angesehen. „Das gehörte zum Alltag.“
Dieter war ein besonderer Draufgänger. „Ich hatte zwei Lungenentzündungen als Kind.“ Nach dem Krieg ging er in den Boxverein Troisdorf. „Ich wollte meiner Mutter beweisen, dass mich so schnell nichts umhaut.“

Gezeichnete Erinnerungen

Modulholder

Dieter Röhl erzählt vom Bunker

Schließlich kommt es zum Schicksalstag. Auch Dieter Röhl erlebt die Bombardierung am 29.12.1944. Das Haus, in dem seine Familie mit drei anderen Parteien lebt, wird zerstört. Auch das Haus seiner Großeltern neben dem Kindergarten wird getroffen. Sein Großvater flüchtete sich in den Keller und wurde dort von einem umfallenden Stahlregal erschlagen. Er starb. Vater Ferdinand war bei einem Artillerie-Beschuss direkt vorm Haus durch einen Granatsplitter getroffen worden. Er kam nach Neunkirchen zum Roten Kreuz, wo man ihn operieren wollte. Der Splitter hatte ihn Nahe der Hoden getroffen. Ferdinand Röhl hatte so große Angst vor der Operation, dass er zu Fuß zurück nach Troisdorf flüchtete. Dort wurde er im Keller von heimischen Krankenschwestern gepflegt. „Wir Kinder mussten dann immer raus gehen wenn sie ihn am Unterleib verarzteten“, erinnert sich Dieter Röhl.

„Insgesamt starben während des 2. Weltkrieges in Troisdorf 2024 Menschen, darunter waren 1021 gefallene und vermisste Soldaten, 582 Zivilisten, 133 in Troisdorf stationierte Soldaten sowie 86 Zwangsarbeiter.“ Quelle: „Geschichten einer Stadt.“ Museum für Industrie und Stadtgeschichte (Hrsg.), Troisdorf, 2020.

Die Amerikaner kommen

„Am Morgen des 11. April 1945 setzen die ersten Einheiten der 97. US-Infanteriedivision zuerst bei Lohmar und dann am Uhlrather Hof über die Agger“, schreibt Klaus Elsen in einem Artikel des General-Anzeigers über das Kriegsgeschehen in Troisdorf. Systematisch zur Festung umgebaut, trotze das Stahlwerk von Klöckner-Mannstaedt den anrückenden feindlichen Soldaten. Es folgten erbitterte Kämpfe im und um das Werksgelände, der schwarzen Kolonie und im Kasino-Viertel. Erst am kommenden Tag und nach zahlreichen Toten und Verletzten, erlangten die Amerikaner den Sieg.

„Am nächsten Morgen, es ist der 13. April, rücken US-Panzerwagen mit zahlreichen Soldaten in Sieglar ein. Kampflos werden auch Eschmar, Müllekoven, Bergheim, Mondorf und die anderen Niederkasseler Ortschaften besetzt“, heißt es im Artikel.

Auch Kaspar Quadt erinnert sich an das Anrücken der Panzer: „Wir saßen am Paxer Eck mit Blick auf das Feld, wo sich die deutsche Soldaten in den Gräben verschanzt hatten. Als die amerikanischen Panzer anrollten, schossen die Deutschen mit Leuchtmunition über die Amerikaner hinweg. Die Panzer drehten und richteten sich zum Feld aus. Dann wehten weiße Fahnen aus den Gräben.“ Dieter Röhl zeichnete aus der Erinnerung die amerikanischen Soldaten, die durch die Rote Kolonie liefen.
Für die Familie Röhl begann eine schwere Zeit. Sie zogen in das Haus am Zeppelinplatz 9. Jetzt hieß es: Noch enger zusammenrücken. Gegen Ende des Krieges war die Not groß und man ging „fringsen“. Am Troisdorfer Bahnhof ging man Kohleklauen, die Kinder sprangen dafür auf die Züge auf, öffneten die Seiten und schoben die Kohlen raus. „Es kamen Militärzüge an, die auch Möbel und Hausrat der Soldaten transportierten“, erinnert sich Röhl. Viel wurde geklaut. Später hätte die Polizei die Siedlung gefilzt und es wäre zum ein oder anderen Prozess gekommen.

Modulholder
Dieter Röhl, Quelle: Dieter Röhl

Zwischen Skizzenbuch und Stahlbetrieb

Zwar hatte Dieter Röhl – wie fast alle in der Roten Kolonie – zuerst bei Mannstaedt gearbeitet und dort eine Lehre als Werkzeug-Dreher gemacht, doch seine Leidenschaft galt der Malerei. Schließlich konnte er beim Siegburger Arbeitsamt die Beweglichkeit seiner Hand beweisen und durfte daraufhin eine Lehre als technischer Zeichner anfangen. Dann wechselte er ins Design-Fach und kam über Umwege dazu, Flugsicherheitskarten für die Bundeswehr zu erstellen. 1963 heiratete er Brigitte, die er auf einer Karnevalsfeier kennengelernt hatte. Zwei Jahre später kam Tochter Kerstin zur Welt, 1958 Sohn Volker. Gemeinsam lebten sie in der Karl-Schurz-Straße. 1976 wurde Dieter Röhl dann eine bessere Stelle an der Mosel angeboten, die er annahm.

Wenn er heute auf die Zeit in der Kolonie und in Troisdorf zurückblickt, dann sei die Gemeinschaft und das Miteinander das, was ihm besonders in Erinnerung geblieben ist. Wie seine Vorfahren ist Dieter musikalisch und begleitete u.a. das Karnevalskorps „Blaue Jungs“ bei ihren Tanzauftritten mit dem Akkordeon.

Zudem war er in der Christlichen Arbeiterjugend aktiv. „Wir haben vielen Leuten vor Ort geholfen, zum Beispiel einmal eine Küche gestrichen“, erzählt Dieter Röhl. Als der Leiter der Gruppe aufhörte, übernahm Dieter. Die Jugendgruppe testete ihren neuen Leiter aus und erwartete von ihm, dass er eine Runde spendierte. „Im Gegensatz zu meinem Vorgänger war ich kein Student, sondern Lehrling und hatte nicht viel Geld. Ich habe dann mit ihnen einen Ausflug unternommen und sie so besoffen gemacht, dass sie alles vollgekotzt haben. Danach wollten sie nicht mehr mit mir trinken“, erzählt Dieter Röhl heiter. Er sei stets sehr trinkfest gewesen. Mit seinen Kampfkünsten aus dem Boxclub schindete er ebenfalls Eindruck bei den Jugendlichen. Später fuhr man zusammen sogar in die Alpen. Er habe sich auch mit dem ein oder anderen Priester angelegt, wenn dieser die Belange der Jugend ignorierte.
40 Jahre später besuchten ihn sechs seiner alten Schützlinge an der Mosel. Das Band nach Troisdorf reißt nicht ab. Als er an der Mosel vor wenigen Jahren seine Kunstwerke, Zeichnungen und Plakate ausstellt, machen sich erneut ehemalige Weggefährten auf den rund 150 Kilometer weiten Weg.

Modulholder
Ehepaar Röhl, Foto: Christine Siefer

Heimat ist da, wo man zusammen ist

Dieter und Brigitte Röhl sind eng mit Troisdorf verbunden, auch nach fast 50 Jahren an der Mosel. In ihrer Wohnung finden sich zahlreiche Fotos und Dieters großes Archiv an Zeichnungen; schöne und traurige Momente, eingefasst und festgehalten für die Ewigkeit. Gemeinsam bewahrt das Ehepaar die Erinnerungen wie einen kostbaren Schatz. Es ist ihr gemeinsames Fundament, auf dem sie stabil stehen.