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Flohmarkt in der Roten Kolonie, Foto: Christine Siefer

Nachbarschaft feiern

Flohmarkt, Maifeier oder Adventsfest - immer ein Grund zusammenzukommen

Wo das Herz der Kolonie schlägt

Aus der Vogelperspektive betrachtet scheint es als bildeten die Dächer der denkmalgeschützten ehemaligen Arbeitersiedlung ein rotes Herz inmitten der dichten Wohnbebauung in Troisdorf-West. Die einheitliche Farbe der Dächer der 64 Häuser hat der Roten Kolonie seinen Namen gegeben. Die Herzform liegt vielleicht im Auge des Betrachters, doch das Herz der Kolonie schlägt in den Geschichten der Anwohner, in ihrem Miteinander. Viele wohnen bereits in der zweiten oder dritten Generation hier, doch auch Zugezogene werden schnell in den nachbarschaftlichen Austausch einbezogen. Wenn es etwas zu besprechen gibt, treffen sich alle auf der Straße; jung bis alt, Alteingesessene und Neu-Kolonisten, während die Kinder in den teils verkehrsberuhigten Straßen spielen. Und es gibt immer etwas zu feiern!

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Silberhochzeit der Familie Leßmann 1926, zur Verfügung gestellt von Dieter Röhl

Feste feiern, wie sie fallen

Silberhochzeit der Familie Leßmann 1926

Jubiläen wurden immer groß gefeiert. Vor allem silberne und goldene Hochzeiten. Dann wurde die gesamte Nachbarschaft eingeladen, die zuvor für das Jubelpaar gesammelt hatte. Jeder gab, was er konnte. Das galt auch, wenn einer starb. Noch heute sammeln einige Nachbarn Geld für die Grabpflege eines verstorbenen Kolonisten.

Karneval

Die umgesiedelten Kölner hatten den Karneval im Gepäck und wollten auch in Troisdorf nicht auf den Fastelovend verzichten.

1926 gründeten die Frauen um die Präsidentin Frau Neumann einen Elferrat. Aus dessen Reihen stammte dann auch die erste Prinzessin „Nölles Kathrinche“.
„Die Jecken dieses „Urkarnevals“ durften aber nicht bis Troisdorf Mitte marschieren, weswegen man sich ins Einzugsgebiet der Roten Kolonie zurückzog und sich dort köstlich amüsierte. Das sprach sich natürlich rasch in Troisdorf rum, und schon bald kamen viele Troisdofer Geschäftsleute zur Roten Kolonie, um mit den dortigen Jecken zünftig zu feiern.“ (Quelle: Homepage KG Schäl Sick)

Das Leben in der Kolonie bot Anlass für karnevalistische Mottos und Kostüme. So verkleidete man sich 1932 als Kinder, um das 20-jährige Jubiläum des Kindergartens (Kleinkindschule) zu feiern. So zieht auf einigen Fotos von 1936 Frau Leßmann eine Walze und spielt so auf den damals schlechten Zustand der Straßen in der Roten Kolonie an. „Kolonie“ wurde gerne wörtlich genommen und man verkleidete sich als Einwohner und „Eroberer“ der Deutschen Kolonien in Afrika (damals noch ohne Bewusstsein für die Problematik). 1939 gab es die Verkleidung als „Ringroller“, eine Berufsgruppe, die produzierte Autoreifen händisch zum Rhein rollten. Manche sollen dabei bis zu acht Reifen gleichzeitig gerollt haben. Ihr Markenzeichen waren u.a. hohe Hüte.

1958 wurde der Verein „Karnevalsgesellschaft ‚Schääl Sick‘ e.V. Troisdorf“ als „Gesellschaft für Humor und Frohsinn“ offiziell gegründet. Karl-Heinz Röhl (Cousin von Dieter Röhl) wurde 1. Vorsitzender.

Musik und Maifeste


Roonstraßenblues

100 Jahre Kolonie,
Erinnerung und Phantasie.
Viel ist in der Zeit geschehen
Auf manchen Bildern noch zu sehen.
Heute sind wir alle da,
singen heut, was all geschah.

Uns verbinden viele Jahre.
Das Leben hat uns all geprägt.
Der Zahn der Zeit nagt an uns allen
Doch uns hat’s hier stets gut gefallen,
nette Menschen, Nachbarn, Freunde
hier gefunden, wunderbar.

Wir hab’n gelacht und viel gefeiert,
oftmals spontan von Zaun zu Zaun.
Der Bismarckplatz war stets das Zentrum
Geprägt durch viel Geselligkeit.
Die Treffen waren sehr speziell.
Wir sind halt individuell.

Der Bismarck hat hier viel Facetten,
als Hahn, als Platz, als Freundestreff,
als kommunikatives Zentrum,
als Herz der roten Kolonie.
Trotz schräger, großer Lindenbäume,
hat man ein wunderbar Jefühl.

Auch ein Maibaum war in Planung.
Die Männer waren hier gefragt.
Es wurd gegrillt, gelacht, gesungen.
Gitarre, Trommel und Gesang.
Bis später dann am Lagerfeuer,
der Roonstraßenblues begann.

Oft war die Freude riesengroß,
doch auch das Schicksal rigoros.
Wenn Trauer, Leid war zu beklagen,
hat man gemeinsam es getragen.
Einsam ist man bei uns nie,
hier in der Roten Kolonie.

Mensch, wir haben uns verändert,
nicht nur die Rote Kolonie.
Jetzt sind wir älter, weiser, grauer,
doch noch immer voller Power.
Hier wird immer noch gelebt,
wie man es heute wieder sieht.

Das alles wollten wir euch sagen,
wir finden uns und euch ganz toll.
Aus Nachbarn wurden gute Freunde,
gelebt mit Herz und Toleranz.
Langweilig wird es mit uns nie.
Es lebt die Rote Kolonie.

Das war der Roonstraßenblues,
jede Zeile ein Genuss,
manchmal außer Rand und Band,
aber immer tolerant,
wer ihn lebt, vergisst ihn nie
in der Roten Kolonie.

(Zur Verfügung gestellt von Nachbarn am Bismarckplatz)

Hier Melodie zum Mitsingen anhören.

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Ursula und Ulrich Knab, Foto: Paul-Philipp Braun

Gemeinsamkeit beginnt im Kleinen

Ursula und Ulrich Knab waren stets mit von der Partie wenn es etwas zu feiern gab oder man sich spontan auf der Straße traf. Sie zeigen mit ihrem Engagement, dass man auch im Kleinen viel bewegen kann.

1979 war Familie Knab in die Siedlung gezogen. Ulrich Knab hat über 30 Jahre bei der Firma Klöckner-Mannstaedt gearbeitet. Ab 1977 begann die Unternehmensführung die Häuser der Werkssiedlung zu verkaufen, den Arbeitnehmern wurde ein Vorkaufsrecht eingeräumt. Vom Luxus der ersten Tage war in den 70ern nicht mehr viel übrig, erinnert sich Ulrich Knab. „Das Haus war, wie die meisten Gebäude in der Kolonie damals, stark renovierungsbedürftig“. Seine Frau war anfangs nicht begeistert, doch dann sei alles ganz schnell gegangen. „Wir mussten innerhalb einer Woche entscheiden, ob wir das Haus kaufen“, erzählt der heute 82-Jährige. Zum Glück konnte die Familie mit ihrem dreijährigen Sohn noch parallel in der Werkswohnung in der Alfred-Delp-Straße wohnen, während der Vater das Haus in Schuss brachte.

Sich etwas aufzubauen, das bedeutet für Ulrich und Ursula Knab von Anfang an, sich in der neuen Umgebung zu engagieren. Ulrich Knab, der zu der Zeit für die SPD in den Stadtrat gewählt wurde, lag das im Blut. Sein Organisationstalent stellte er nicht nur bei großen Lauf-Wettkämpfen unter Beweis, wie die 13. Deutsche Meisterschaft im 100 km-Lauf, die er nach Troisdorf holte, sondern auch beim Rot-Kol-Fest, das er mit der Nachbarschaft ins Leben rief. In der Corona-Pandemie organisierte er ein abendliches „Corona-Vertreibungs-Singen.“

Für sein ehrenamtliches und politisches Engagement bekam er 2023 das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. (Foto: Paul-Philipp Braun)

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Ulrich Knab erklärt was eine gute Nachbarschaft ausmacht

1983 kauften dann auch Rita und Rolf Scholkemper ein Hausteil am Bismarckplatz. Durch ein Inserat von Mannstaedt war das Paar auf das Haus aufmerksam geworden. „Wir waren einer der ersten Eigentümer von außen“, berichtet die 73-Jährige. „Der verruchte Ruf der Roten Kolonie, wahrscheinlich aus der Zeit vor dem Krieg, hallte damals noch nach“, ergänzt sie. Die Siedlung war seit ihrer Gründung von den restlichen Troisdorfern mit Argwohn beäugt worden. Erst wurde die eingeschworene Arbeitergemeinschaft aus Köln als „feine Städter“ betitelt, später schlug das Image ins Gegenteil um. Trotz der Warnungen der Schwiegereltern vor „den Kommunisten“ mit den roten Dächern entschieden sich Rolf und Rita Scholkemper für das Haus und wurden von den neuen Nachbarn mit offenen Armen begrüßt und direkt für das erste Straßenfest eingespannt. Zwölf weitere große Straßenfeste sollten bis zum Beginn der Corona-Pandemie folgen, die vielen spontanen Zusammenkünfte bei Kuchen oder Reibekuchen auf der Straße nicht mitgerechnet. Im Sommer lief es oft gleich ab, berichtet Rita Scholkemper: „Wir standen draußen und irgendwer schlug dann vor einen Wein zu trinken, dann wurden Stühle rausgestellt.“ Vor zehn Jahren sei man sogar mit vier weiteren Paaren aus der Nachbarschaft gemeinsam in Urlaub gefahren. Nach einem gemeinsamen Urlaub mit einem Nachbarspaar etablierte sich ein weiteres Ritual: Das gemeinsame Fischessen an Aschermittwoch. Die Nachbarn waren bereits früher zurückgekehrt. Als nun Rita und Rolf auf dem Heimweg waren, riefen sie ihre Nachbarn an und fragten, ob sie nicht den Fisch aus dem Tiefkühlfach holen würden, um nach der Ankunft mit ihnen gemeinsam zu speisen. Im Jahr drauf wiederholten sie das und erweiterten den Kreis. Von Jahr zu Jahr wurde die Runde immer größer, sodass sie sich entschieden ins Restaurant zu gehen. Erst die Pandemie beendete die Tradition. Rita Scholkemper sieht das pragmatisch: „Es ziehen neue Leute in die Kolonie und mit denen kommen neue Aktionen und Traditionen.“

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Hilfsbereitschaft

Wenn irgendwo ein Dach repariert oder ein Loch gebuddelt werden muss, dann braucht man nicht lange zu suchen, um Unterstützung zu finden. Wenn einer krank ist, wird für die Person eingekauft oder Suppe gekocht. Dabei fungiert das Straßen-Gespräch als Stille Post. Es braucht auch nicht immer einen Anlass, damit sich die Nachbarn auf der Straße zusammenfinden und aus dem „Klönen“ ein kleines Fest wird.

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Adventsfeier, Foto: Christine Siefer

St. Martin und Adventsfeste

Anlässe gibt es genug: Selbst, wenn das Wetter gegen Ende des Jahres kalt und ungemütlich wird, werden Events wie Halloween, Sankt Martin oder die Adventszeit genutzt, um mit einer heißen Tasse Tee, Kaffee oder Glühwein zusammenzukommen. Die Rote Kolonie führt also auch in dieser Hinsicht eine alte Tradition fort: Das Zusammenkommen am Lagerfeuer. Mit einem Stockbrot in der Hand und einem Liedchen auf den Lippen, vergehen die Stunden und die Kinder dürfen ausnahmsweise länger wach bleiben.