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Apostolia Thomaidou, Foto: Paul-Philipp Braun

Gastarbeitergeschichten

Neuanfang in der Ferne

Wenn man Apostolia Thomaidou fragt, was ist ihre Heimat ist, kommt die Antwort schnell: Die Rote Kolonie. „Wenn ich durch den Torbogen komme, bin ich zu Hause. Das ist das Paradies für mich.“ Dass sie einmal so verwurzelt mit diesem Ort sein würde, dass ahnte die damals Achtjährige nicht, als sie 3000 Kilometer mit dem Zug von Griechenland nach Deutschland kam. So wir ihr ging es vielen Gastarbeitern und ihren Kindern, die ab den 50er Jahren dem Aufruf der Bundesregierung nach Arbeitskräften gefolgt waren. Ein Aufbruch ins Ungewisse, bei dem die Rote Kolonie zum Fixpunkt von individuellen Lebensgeschichten wurde.

Für die Arbeit gekommen, zum Leben geblieben

20. Dezember 1955

Italien

29. März 1960

Spanien

30. März 1960

Griechenland

30. Oktober 1961

Türkei

12. Mai 1963

Marokko

17. März 1964

Portugal

7. Oktober 1965

Tunesien

12. Oktober 1968

Jugoslawien

Die Bundesregierung schloss 1955 mit Italien das erste so genannte Anwerbeabkommen ab. Für den Wirtschaftsboom wurden dringend Arbeitskräfte gebraucht, die vorerst zeitlich begrenzt eingesetzt werden sollten, wodurch sich der Begriff Gastarbeiter etablierte. Ab den 60ern und dem Mauerbau, verschärfte sich der Fachkräftemangel und es kamen weitere Abkommen mit anderen Ländern dazu.

Insgesamt stieg die Zahl der ausländischen Arbeitnehmer von rund 330.000 im Jahr 1960 über 1,5 Millionen 1969 auf 2,6 Millionen 1973. Viele blieben. (Quelle: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland)

Im Wort »Gast« schwang mit, dass die Eingewanderten nicht bleiben sollten. Der Begriff ist inzwischen veraltet, wird manchmal aber noch zur Selbstbezeichnung gebraucht, z.B. als »Gastarbeiterkind«. Die wissenschaftliche Literatur ist dazu übergegangen, ihn mit dem Zusatz »sogenannte Gastarbeiter« zu versehen. (Quelle: Neue Deutsche Medienmacher)

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Carmen Gonzalez

Die Ankunft

Carmen Gonzalez war 25 Jahre alt als sie 1963 mit ihrer Mutter den spanischen Heimatort Murcia verließ und nach Deutschland kam. In Spanien arbeiteten sie oft jeden Tag bis spät in die Nacht bei der Tomaten- oder Paprikaernte. „Der Vorarbeiter hat nur in seltenen Fällen an Feiertagen frei gegeben und es wurde erst nach Hause gegangen, wenn die Arbeit erledigt war“, erinnert sich die heute 83-Jährige. Die erdbeerverarbeitende Fabrik in Hamburg, wo Mutter und Tochter ihre erste Anstellung fanden, wäre für sie wie das reinste Paradies gewesen. Es gab Geld für den Bus, einen acht-Stunden-Arbeitstag und eine Mensa. „Da haben sogar die Chefs mit uns zusammen gegessen“, erzählt sie während sie hinter ihrem Haus in der roten Kolonie sitzt. Die Unterbringung sei damals in riesigen Wohnkomplexen gewesen und als die Cousine ebenfalls nach Hamburg kam, hätte sie sich zu dritt ein kleines Zimmer geteilt. Jeden Tag kam Post aus der Heimat von Carmens Verlobten Juan, der sich ebenfalls um eine Stelle in Deutschland bemühte. Als er den Vertrag bei einer Werft in der Tasche hatte, überraschte er Carmen und stand plötzlich bei ihr auf der Matte. Später ging es mit dem wenigen Hab und Gut in einem Pappkoffer nach Troisdorf, wo Carmen in der Zündhütchen-Fertigung von „Dynamit Nobel“ und Juan im Eisenwalzwerk der „Klöckner-Mannstaedt-Werke“ arbeitete.

Mit dem Zug ins Ungewisse

Apostolia Thomaidou, genannt Liza, war die ersten acht Jahre ihres Lebens bei ihren Großeltern in Griechenland aufgewachsen. Ihre Eltern waren bereits dem Ruf nach gutbezahlter Arbeit gefolgt. Die Eltern bekamen nach Deutschland Fotos ihrer Tochter geschickt. Da Liza noch nicht stehen konnte, drapierten die Großeltern sie vor einem Vorhang und stützten sie. „Es sind die traurigen Fotos“, sagt die 63-Jährige, während sie die schwarz-weißen Aufnahmen betrachtet. Auf einer Aufnahme stehen sie und ihr drei Jahre jüngerer Bruder vor dem Rohbau eines Hauses. Ziel der Eltern sei es gewesen in Deutschland einige Jahre zu arbeiten und dann nach Griechenland zurückzukehren. Diese griechischen Mauern sollten aber nie Lizas Zuhause werden.

1968 holen die Eltern die Kinder nach. Über 3000 Kilometer ging es für die damals Achtjährige mit dem Zug in die Ferne. „Ich habe heute noch Gänsehaut, wenn ich an die Lichter am Rhein denke, die ich vom Zug aus sah und wusste, dass es nicht mehr weit ist“ – Eine Erinnerung, die sich eingebrannt hat.

Die erste Zeit im neuen Zuhause war schwierig. „Mir waren die eigenen Eltern fremd und ich verstand kein Deutsch“, erzählt sie. Das war eine große Hürde. In Siegburg gab es eine griechische Schule, in die sie gehen konnte.

1971 zog die Familie in die Rote Kolonie. Da Lizas Vater bei Klöckner-Mannstaedt als Kranführer arbeitete, bekam man eine Wohneinheit zur Miete zugesprochen. „Wir haben mit den anderen Kindern verschiedenster Nationalitäten auf der Straße gespielt, Hüpfekästchen oder mit Murmeln“, erinnert sich die 63-Jährige an das internationale Flair der Siedlung. „Das war unsere Welt.“

Die Gemeinschaft wächst

Im Jahr 1970 lebten bereits 4.575 ausländische Arbeitnehmer (teils mit Familien) in Troisdorf. Das waren 8,8 Prozent der Bevölkerung. Fast jeder dritte Fabrikarbeiter war ein Gastarbeiter. Wählen durften die neuen Mitbürger jedoch nicht. Um sich politisch dennoch einbringen zu können, wurde 1972 in Troisdorf das erste Ausländerparlament in Deutschland gewählt. Die vom Stadtrat anerkannten Vertreter konnten sich in den städtischen Ausschüssen einbringen. Sprachschwierigkeiten, eine hohe Fluktuation und der doch geringe politische Einfluss führten bereits 1975 zur Auflösung des Parlaments. Andere Initiativen wie der Arbeitskreis Ausländischer Einwohner, das Haus International oder das Internationale Zentrum Troisdorf wurden dauerhafte Anlaufstellen in Troisdorf.

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Impressionen der Roten Kolonie,

Gestalten im Privaten

Sich etwas aufbauen und gestalten, dafür gab es ab Ende der 70er Jahre eine weitere Gelegenheit. Die „Klöckner-Mannstaedt-Werke“ verkauften die Häuser der Kolonien. Die Mieter bekamen ein Vorkaufsrecht. Der Preis sei fair gewesen, erinnert sich Apostolia Thomiadou, da der Zustand der Häuser stark renovierungsbedürftig gewesen sei, so hätte es beispielsweise keine Badezimmer gegeben. „Die haben oft bei Mannstaedt geduscht“, berichtet Liza. Während ihre Eltern das Haus in der Kolonie nach ihren Wünschen gestalteten, schnitt Liza den Kindern und Nachbarn in der Kolonie die Haare. Nach ihrer Friseurausbildung arbeitete sie als Ergänzungskraft in einem Oberlarer Kindergarten. 1980 ging es dann mit ihrem Mann ganz nach Oberlar. 1982 kam der erste Sohn Christofer zur Welt. Zwei Jahre später der Jüngste Panos. 1993 wurde das Nachbarhaus frei, da die dort lebenden Griechen zurück in ihr Heimatland gingen. Liza und ihr Mann schlugen zu.

Trotz vieler Denkmalvorschriften schafften sie auch diesem alten Gebäude neues Leben einzuhauchen. „Wir haben daraus unser Knusperhäuschen gemacht“, sagt Liza nicht ohne Stolz.

Home sweet home

Juan arbeitete bereits einige Jahre bei Mannstaedt als ihm eine Haushälfte in der Roten Kolonie angeboten wurde. Am Haus war noch einiges zu tun, so gab es beispielsweise kein Bad oder Dusche. In Eigenregie wurde jedoch schnell ein richtiges Zuhause für die damals dreiköpfige spanische Familie geschaffen. Juan, dessen Familie in Spanien Landwirtschaft betrieben hatte, nutzte die Anbaumöglichkeiten der Gartenkolonie für Knoblauch, Bohnen oder spanischen Salat.
1975 folgte dann Kind Nummer zwei. Heute leben die Söhne mit ihren Familien in direkter Nachbarschaft in der Kolonie. Jetzt spielt bereits die nächste Generation in der inzwischen verkehrsberuhigten Straße. 1985 verstarb Juan. Das Rot-Kol-Fest, das seit den 90ern die Nachbarschaft zum Feiern zusammenbrachte, hat er nicht mehr erleben können. Aber Carmen erinnert sich noch gut an das Fest zur Feier der neugepflasterten Straße Anfang der 80er. Der Duft nach spanischen Schinken sei durch die Kolonie gezogen und obwohl man aus Zeitgründen nur wenig Kontakt zu anderen Bewohnern der Kolonie gehabt hätte, wären die Nachbarn zusammengekommen.

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Apostolia Thomaidou, Foto: Paul-Philipp Braun

Treffen am Gartenzaun

Der Zauberweg, der zwischen den Gärten hinter den Häusern verläuft, war für Liza nicht nur als Kind ein Ort des gemeinsamen Erlebens. „Als Kinder haben wir Schleichwege zwischen den Gärten genutzt, Schnecken gefüttert oder einfach phantasievoll gespielt“, erinnert sie sich. Später wuchs die Nachbarschaft zusammen, man tauschte die Ernte der Gärten untereinander oder hielt ein Plausch am Gartenzaun. „Wir sind sogar mit fünf weiteren Nachbarpaaren in Urlaub gefahren“, berichtet sie. Maifeiern und spontane Feste gehörten stets einfach dazu.

Vorher-Nachher-Ansicht

KindergartenImpressionen der Roten Kolonie, Foto: Christine Siefer

2017 kam Liza dann beruflich an den Ort, in dem sie schon als Kind in den Wohnungen ihrer Freunde gespielt hatte: den Kindergarten am Bismarckplatz. Sie hatte sich schon davor dafür interessiert, was aus diesem Ort geworden war. Die ursprünglich als Klein-Kinder-Schule betitelte Einrichtung war stets im Erdgeschoss angesiedelt. Später wurde es zum Waldorf-Kindergarten, in den auch Lizas Nichten gingen. In den 2010er Jahren war die Bausubstanz so marode, dass der damalige Trägerverein der Kita sich mit einer solch hohen Investitionssumme konfrontiert sah, dass er das Gebäude der Stadt Troisdorf für einen Euro verkaufte. Bei der Feier zur Wiedereröffnung nach der großen Sanierungsmaßnahme der Stadt war Liza als Gast eingeladen. Sie habe vor Freude „Rotz und Wasser geheult“ als sie gesehen hätte, was für eine Wandlung dieser Ort gemacht habe. Die Anstellung als Kinderpflegerin in der heutigen städtischen Kita war für Liza somit ein doppelter Glücksfall. „Es ist eine traumhafte Einrichtung, ich bin so dankbar für meinen Einsatz dort“, sagt sie immer noch bewegt.

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Postkartengrüße aus Troisdorf

Ob Zauberweg, Kindergarten oder Knusperhäuschen – die Orte verbinden die Zeiten und die Lebenspunkte miteinander. Das Ankommen in der Fremde, die Kindheit, der Neubeginn, die Familienzeit, die Nachbarschaftsstunden, das Bewahren und Loslassen.

Die Geschichte wiederholt sich im Kleinen. Familien finden ein neues Zuhause in der Roten Kolonie. In einige Gärten wachsen die Bohnen und Kartoffeln und die Kinder schließen Freundschaften auf der Straße beim Spielen. Die Rote Kolonie wird zum Mikrokosmos und die Geschichte jedes Einzelnen wird zum Mosaikstück eines größeren Bildes. Eingerahmt von roten Dächern; vielleicht auf einer Postkarte, die in die Ferne geschickt wird mit schönen Grüßen aus Troisdorf.