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Kinder spielen auf dem Zeppelinplatz 1927, zur Verfügung gestellt von Dirk Blotevogel (siehe Ausstellung zum 75-jährigen Jubiläum der Kolonie)

Kindheit in der Kolonie

Geschichte wiederholt sich

Egal mit wem ich gesprochen habe, jeder erzählt von der wunderschönen Kindheit in der Roten Kolonie. Dabei ähneln sich die Erzählungen:

Der Schutz des geschlossenen Siedlungscharakters wird heute durch die verkehrsberuhigte Spielstraße geschaffen. Auf der Roonstraße und um den Zeppelinplatz finden auch heute noch Rennen mit Kinderrädern statt, werden Ballspiele gespielt oder mit Kreide gemalt. Wenn es heißt: Abendessenszeit, alle Kinder reinkommen, wird gemault wie vor 100 Jahren.

„Da waren überall die Zäune mit den Törchen. Dann sind da die Jungs hingegangen, haben die ganzen Törchen ausgehangen und haben die auf dem Bismarckplatz gestapelt. Dat war ein Tara! ‚Dat ist mein Törchen!‘ Zuhause wurden die eingesetzt. Passt nicht. Wieder zurück. ‚Dat könnt es sein.‘ – ‚Wer hat mein Törchen?!'“, erinnert sich Kaspar Quadt.

Mehr Kindheitsberichte: Kaspar Quadt, Dieter Röhl und Liza Thomaidou

Der Bismarckplatz in den 20ern und heute

Bismarckplatz, zur Verfügung gestellt von Dirk Blotevogel (siehe Ausstellung zum 75.-jährigen Jubiläum der Kolonie)Aufnahmen der roten Kolonie, Foto: Paul-Philipp Braun

Die kleinen Gartenzäune gehörten damals noch zum einheitlichen Siedlungsbild

Kindergarten, zur Verfügung gestellt von Rolf Hönscheid und FamilieAufnahmen der roten Kolonie, Foto: Paul-Philipp Braun
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Lydia Adam, Foto: Christine Siefer

Lydia Adam

und die kleinen Strolche

1967 zog die heute 57-Jährige (damals Lydia Maass) mit ihrer Familie in die Rote Kolonie. Mit sieben Kindern bewohnten sie das Haus an der Bismarckplatz Nr. 3. Ihr Vater arbeitete bei Klöckner-Mannstaedt in der Gießerei und bekam das Haus zur Miete angeboten.

Die schönste Zeit sei der Sommer gewesen, wenn sie aus Material vom Abenteuerspielplatz Hütten gebaut oder sich in den Gärten am Obst satt gegessen hätten. „Ich war in einer Clique mit Jungs. Wir liebten den Zauberweg, kannten jede Abkürzung und wussten, wo die Zäune kaputt waren und wo man in den Gärten Obst klauen konnte. Das war unser Revier“, erzählt sie.

„Einmal bin ich als Kleinste auf den Kirschbaum des Nachbarn Schwammborn geklettert, um gemeinsam mit den Freunden die süßen Kirschen zu naschen. Dann kam er plötzlich raus und drohte uns mit dem Besen“, erinnert sie sich. Die heruntergefallenen Kirschen würden den Weg einsauen. Alle seien dann abgehauen und sie habe sich nicht bewegt und gehofft, dass er sie oben im Baum nicht sehe. „Als er dann wieder drinnen war, bin ich runtergeklettert und auch so schnell es ging weg, sonst hätte ich bestimmt noch einen mit dem Besen mitbekommen.“

Foto: Lydia Adam links mit ihrer Schwester Ingrid am Bismarckplatz

Streiche und andere Kindheitsfreuden

Sie seien auch beim Sportplatz die Flutlichter hochgeklettert. Wenn die Polizei kam, wären sie schnell weg gewesen. „Wir kannten uns ja aus, da hatten die Polizisten keine Chance uns zu erwischen.“

Im Teenager-Alter hätten sie einmal Zigaretten aus einer Wohnung über dem Kindergarten geklaut. Einer sei über ein Gerüst vorm Haus durchs offene Fenster geklettert und warf ganze Zigarettenpackungen hinaus. „Wir haben uns dann auf das Dach hinter dem Kindergarten gelegt und mit Blick auf die Moselstraße geraucht.“ Es sprach sich aber immer schnell herum, wenn einer Mist gebaut hätte. Einmal rauchte Lydia an einer Telefonzelle mit einer Freundin heimlich eine Zigarette. Ein Nachbar sah sie und erzählte es sofort dem Vater.

Foto: Lydia Adams (die Kleinste in der Mitte) mit ihrer Tante Elli, die ihre Hände auf ihre Schulter legt, den Eltern und Geschwistern im Garten hinter den Häusern des Bismarckplatzes.

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Lydia Adams

erzählt von ihrem Lieblingsplatz

Kneipe, Kiosk, Knabberzeug

„In der Gaststätte Musolf trafen sich die Männer wie mein Vater und seine Schwiegersöhne zum Frühshoppen. Ich sollte ihn dann abholen und bekam erst einmal eine Limo, damit ich den Mund halte“, erinnert sich Lydia mit einem Augenzwinkern. Hin und wieder holte sie für sich und ihren Bruder dort auch zwei Tütchen Chips und Nussschokolade. (Mehr zu Hans Musolf hier)

Beim Tante-Emma-Laden auf der Hans-Böckler-Straße hätte es große Boxen mit Süßigkeiten gegeben. Dort bekamen die Kinder z.B. drei Stück Lakritz für einen Pfennig. Auch am Kiosk Mauersberger gab es Süßigkeiten und donnerstags die neue Bravo. „Wir haben sie dann heimlich im Chemie- und Physikunterricht gelesen.“

Bild: Gastwirt Musolf verteilt Süßigkeiten an Kinder.

Die Jahreszeiten feiern

Viele Freizeitaktivitäten gab es nicht. Dafür hatte Troisdorf drei Kinos.
„Toll war auch die Großkirmes auf dem angrenzenden Feld. Heute ist da die Schnellstraße. Sonntags kamen die Tanten und Onkel zum Mittagessen vorbei, nachdem wir alles per Hand gespült hatten, ging es dann mit der ganzen Familie zur Herbst-Kirmes. Die Eltern waren dann immer sehr großzügig und wir haben uns auf ihre Kosten amüsiert. Abends sind wir dann noch mal hin und haben das Geld auf den Kopf gehauen, dass wir von den Tanten und Onkel zugesteckt bekommen hatten.“

Im Spätherbst wurde dann natürlich Sankt Martin gefeiert. „Wir Kinder wussten genau, wo wir 50 Pfennig bekommen und sind da natürlich zuerst singen gegangen.“

Im Winter hieß es dann Schlittenfahren an der Uferstraße. „Da gab es ein Loch im Zaun und wenn man das nicht getroffen hat, krachte man in den Zaun. So oder so waren wir danach meist plitschenass, gingen nach Hause und trockneten unsere gestrickten Socken.“ Einmal hätten sie wegen Glatteis schulfrei gehabt. „Da sind wir aber doch raus und hatten unseren Spaß beim Berg hoch nach Oberlar, so rutschig wie das war“, erzählt Lydia Adams.

Als Kind sei sie auch schon einmal für eine Nachbarin einkaufen gegangen, im Winter sogar mit ihrem Schlitten.

Vor ein paar Jahren ist sie als Hauswirtschafterin bei den Johanniter wieder für ältere Leute einkaufen gegangen. Eine Frau, die sie betreute, fragte Lydia nach ihrem Mädchennamen. Es stellte sich heraus, dass ihr Vater damals Lydias Vater geholfen hatte, das Haus in der Kolonie zur Miete zu bekommen. Damals war Lydias Mutter mit ihr schon schwanger und die kleine Wohnung in der Karl-Jarres-Straße viel zu klein.

Foto: Tante, Onkel und Cousine von Lydia Adam auf den Treppenstufen zur Hausnummer 3.

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Lydia Adam, Foto: Christine Siefer

Ein Blick in andere Zeiten

Lydia Adams erinnert sich an die einfache Ausstattung des Hauses, damals noch mit einem Stromboiler und einfach verglasten Fenstern. Im Winter hätten Eiszapfen am Fenster gehangen.
„Später wurden die Häuser zum Kauf angeboten. Mein Vater war zu der Zeit in Kurzarbeit und schreckte vor einem Kauf zurück.“ Er hätte sich gefragt, was er mit dem großen Haus solle, wenn erst alle Kinder ausgezogen seien. Auch wenn Klöckner-Mannstaedt neue Fenster und eine Heizung einbauen ließ, waren die Häuser stark renovierungsbedürftig. „Viele haben sich damit finanziell übernommen und mussten dann später wieder verkaufen“, erinnert sich Lydia Adam.

„Mit 18 Jahren bin ich dann flügge geworden und weg von den Eltern. So endete meine Kindheit in der Kolonie.“ Der Bruder führte zumindest die Tradition als Arbeiter von Klöckner-Mannstaedt weiter und begann als Dreher zu arbeiten, zog aber auch bald auf die Hütte. Die Eltern sind dann auch nach Oberlar gezogen.